Thank You For The Music

Ende Januar schließt das »Joue Joue« in Erfurt für immer seine Pforten.
Damit verliert Thüringen eine der dienstältesten Institutionen seines Nachtlebens. Der Club auf dem EGA-Gelände erwarb sich seit der Gründung 1997 einen exzellenten Ruf, der ihn weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machte.

Auch die monatlichen Programmflyer waren eine Klasse für sich. Meist aufwendig mit Metallfolie und Lack veredelt oder auf witzige und intelligente Weise Themen aus Mode und Film verfremdend, vermittelten sie unglaublich präzise das extravagante Flair des Clubs.

Die kleinen gestalterischen Leckerbissen avancierten mit der Zeit zu begehrten Sammlerobjekten und zieren noch heute so manches Jugendzimmer.

Als ich diesen Laden zum ersten Mal betrat, umfing mich sofort eine angenehme Leichtigkeit, keine Spur von Nervosität oder gar Beklemmung. Dieser Wohlfühlatmosphäre verdankte sich möglicherweise auch die umgängliche und entspannte Art des Publikums. Selten hatte ich mit so vielen netten und fröhlichen Menschen auf einem Haufen gefeiert. Was nun genau diesen Gemütlichkeitseffekt auslöste, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Die mit rotem Samt verleideten Wände im Eingangsbereich an denen barocke Bilderrahmen mit kleinen Engelsflügeln hingen, haben sicherlich einen kleinen Teil dazu beigetragen.

Der Club verfügte über ein kraftvolles und gut abgestimmtes Soundsystem und eine leistungsstarke Belüftungsanlage, die selbst dann noch für angenehme klimatische Verhältnisse sorgte, wenn die Stimmung auf der Tanzfläche ihren Siedepunkt erreichte. Das Licht, weder zu hell noch zu dunkel, einfach perfekt. Die farbigen Scheinwerfer bestrahlten einen Himmel voller Spiegelkugeln, von dem aus die bunten Lichtreflexe tausendfach gebrochen zurück auf die Tanzenden fielen. Can You Feel It?! Oh ja ...

Zu seiner Boomzeit um die Jahrtausendwende, als der Kulminationspunkt der Discohouse-Welle noch in weiter Ferne lag, der Mauervorsprung auf der Herrentoilette noch nicht abgeschrägt war und die Tür für manch einen auch mal verschlossen blieb, etablierte sich der Club als, zugegebener Maßen recht plüschige, Höhle des fast völlig enthemmten Exzesses, aus der man frühestens gegen 9 Uhr morgens wieder heraus gekrochen kam, halb blind vom gleißenden Licht des angebrochenen Tages. Und durch die spezielle Lage bot sich bei Bedarf die Möglichkeit, das Partywochenende mit einem lustig abgedrehten Sonntagmittag auf der Erfurter Gartenausstellung ausklingen zu lassen.

Immer wieder aufs Neue begeisterten die Verantwortlichen mit Exklusivbookings namhafter DJs und so wunderbaren Veranstaltungsreihen wie der Musical Houseshow, für die der Club berühmt wurde, der alljährlichen Weihnachtsparty (ich sag nur Darryl Pandy), der glamourösen Silvestergala, dem »Draq Desaster« mit einer fast grenzwertig schrägen Fetisch-Tanzshow und nicht zu vergessen - the one and only - »54 Anthem«. Das Joue Joue war für mich der einzige Laden, wo sich eine mit dem Etikett »Studio 54« versehene Party gut anfühlte.

Doch vor etwa 3 Jahren begann der Stern am Discohimmel allmählich zu verglühen. Auf den Floors rings umher wurden die sonst so herzerwärmenden Arrangements mit ihren pathetischen Gesangspassagen, den allgegenwärtigen Glöckchen, Handclaps und Pianoloops, verdrängt durch reduzierte und seltsam unterkühlte Sounds. Auch in den heiligen Hallen des Joue Joue trieben bald diese minimalelektronischen Klänge in konzentrischen Kreisen über die Tanzfläche.

Irgendwie wollte der Funke seitdem nicht mehr so recht überspringen und ich bin nicht der Einzige, dem es so oder so ähnlich erging. Auch die Notoperation namens »House 2.0« hat daran nichts geändert. Wahrscheinlich kann etwas, dass so sehr dieses eine war, nicht so einfach etwas anderes werden. Ich blicke dem Abschlussabend mit einem wehmütigen Lächeln entgegen und sage:
»Thank you for the music - schön war's!«

Der Knut

Am 30. und 31. Januar lädt das Joue Joue zum definitiv letzten Partywochenende ein, mehr Infos dazu gibt es auf www.jouejoue.de.


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